Jens Krumm, Vorstand +Pluswerk
Jens Krumm

Vorstand der +Pluswerk und Digital Entrepreneur

Die vom World Wide Web Consortium (W3C) herausgegebenen Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) sind der weltweite Standard für die Zugänglichkeit von Webinhalten. Die aktuelle Version 2.2 wurde Ende 2023 veröffentlicht. Warum das nicht nur für Menschen mit Einschränkungen interessant und relevant ist, erklären wir im folgenden Artikel.

Die WCAG werden seit 1998 vom World Wide Web Consortium (W3C) herausgegeben, das online unter w3.org erreichbar ist. Das W3C wurde 1994 gegründet und ist bis heute das maßgebliche internationale Konsortium für die Definition von Webstandards. Ziel des W3C ist die Förderung des freien Internets als Plattform für Information, Kommunikation und Handel. 

Die WCAG zielen darauf ab, Webinhalte für alle Menschen zugänglich zu machen, unabhängig von individuellen Fähigkeiten oder Einschränkungen. Die Richtlinien richten sich an eine Vielzahl von Nutzern mit unterschiedlichen Bedürfnissen, wie z.B. Seh-, Hör- und Bewegungseinschränkungen sowie kognitive, sprachliche und/oder lernbezogene Behinderungen. Die Richtlinien berücksichtigen auch die Bedürfnisse älterer Menschen, deren Wahrnehmungsfähigkeiten im Alter oft eingeschränkt sind. 

Freie Straße in die Berge am Horizont

Relevant für Firmen wie Universitäten

Für kommerzielle Webseitenanbieter oder institutionelle Anbieter wie tertiäre Bildungseinrichtungen ist die Beachtung der WCAG-Richtlinien nicht nur eine gesellschaftliche Verantwortung, sondern auch ein strategischer Wettbewerbsvorteil. Barrierefreie Websites erreichen eine breitere Zielgruppe als Websites mit Barrieren und bieten somit Vorteile auf verschiedenen Ebenen.  

Menschen mit Einschränkungen in ihren Sehfähigkeiten oder in ihren kognitiven Kapazitäten können herkömmliche Websites oft nicht oder nur eingeschränkt nutzen. Für diesen Personenkreis verbessert sich die Usability und die User Experience und damit auch die Kundenzufriedenheit mit den digitalen Angeboten massiv und auf einen Schlag. In Deutschland gehören 7,8 Millionen schwerbehinderte Menschen zu dieser Zielgruppe, von denen etwa die Hälfte erwerbstätig ist. 

Gut fürs Image und für die Suche nach Fachkräften

Auf der Corporate-Ebene zahlen barrierefreie digitale Angebote positiv auf das Image des jeweiligen Anbieters ein. Eine professionelle Kommunikation rund um die Einhaltung der WCAG kann hervorragend in der Öffentlichkeitsarbeit genutzt werden, um eine positive Außenwahrnehmung zu fördern. Organisationen und Unternehmen, die sich um Inklusion und Zugänglichkeit bemühen, werden oft als gesellschaftlich verantwortungsbewusster (Stichwort CSR – Corporate Social Responsibility) und damit als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen.  

In einigen Ländern wie den USA, Kanada, Australien oder Frankreich ist die Barrierefreiheit von Websites und anderen digitalen Angeboten bereits gesetzlich vorgeschrieben. In Deutschland muss die öffentliche Hand schon heute die Richtlinien zur Barrierefreiheit einhalten. Und die EU plant, dies in den kommenden Jahren für alle kommerziellen Webseitenbetreiber verpflichtend zu machen - die Zahl barrierefreier digitaler Angebote wird in Zukunft weiter stark ansteigen.

Barrierefreiheit als redaktionelle SEO-Maßnahme

Wenn ein digitales Angebot von potenziellen Nutzern nicht gefunden wird, ist es nutzlos. Dafür sorgen Suchmaschinen wie Google, Bing und Co. Und auch für die Suchmaschinenoptimierung (SEO) sind barrierefreie Inhalte von großem Nutzen. Viele technische Aspekte der Barrierefreiheit, wie die klare Strukturierung und Hierarchisierung von Inhalten und ein semantisch korrekter Code, erhöhen unmittelbar die Sichtbarkeit von Websites in Suchmaschinen. 

Für die Online-Redaktion stellt die Umsetzung von Barrierefreiheit eine ganze Reihe nicht-technischer Herausforderungen dar, insbesondere wenn Inhalte und Benutzeroberflächen barrierefrei gestaltet werden sollen, ohne die User Experience oder das Design negativ zu beeinflussen. Dies beginnt z.B. bei der Beschriftung von Schaltflächen und Checkboxen, die nicht nur mit "Weitere Informationen" oder "Hier klicken", sondern auch inhaltlich aussagekräftig beschriftet werden müssen. 

Auch die Darstellung komplexer Informationen in Tabellenform kann für Screenreader-Nutzer schwer verständlich sein, insbesondere wenn Tabellen mehrere Ebenen von Überschriften oder verschachtelte Strukturen enthalten. Gleiches gilt für die Verwendung von Farben zur Informationsvermittlung (z.B. rote Felder für Fehlermeldungen) - ohne zusätzliche textliche Beschreibungen oder Symbole wird dies für farbenblinde oder sehbehinderte Nutzer schnell problematisch. 

Bei Einsatz dynamischen Contents erfordert die Einhaltung der WCAG präzise ARIA-Markierungen, damit Screenreader-Nutzer zuverlässig über Änderungen informiert werden. Ebenso kritisch ist die Bereitstellung kontrastreicher Texte und UI-Elemente sowie alternativer Texte für multimediale Inhalte, um die Zugänglichkeit für sehbehinderte Nutzer zu gewährleisten.  

Darüber hinaus kann die Verwendung von komplexer Sprache und Fachjargon die Verständlichkeit für Nutzer mit kognitiven Einschränkungen einschränken, während das Fehlen klarer Navigationshilfen die Orientierung erschwert. Websites, auf denen Bewegungen und Animationen nicht gesteuert werden können, bergen Risiken für Nutzer mit vestibulären Beeinträchtigungen, was die Bedeutung zugänglicher Steuerungsoptionen unterstreicht. 

Viele Abteilungen profitieren von Barrierefreiheit

Neben PR, Marketing und Legal profitieren auch die Human Resources von digitaler Barrierefreiheit. Sie erweitert den Bewerberpool, da auch Menschen mit Einschränkungen sich jetzt beim Websiteanbieter bewerben können. Das Engagement für Barrierefreiheit stärkt somit die Arbeitgebermarke und ist eine strategische Maßnahme gegen den Fachkräftemangel, indem es das Unternehmen als attraktiver als andere darstellt.  

Auch bestehende Mitarbeiter profitieren von barrierefreien digitalen Angeboten, beispielsweise im Intranet oder bei der Nutzung der eigenen Website. Diese tragen durch ihre verbesserte Nutzbarkeit zur höheren Mitarbeiterzufriedenheit und -bindung bei. Funktionierende und attraktive, barrierefreie digitale Angebote sind der beste Nachweis, dass eine Organisation die immer wichtiger werdenden Themen Inklusion und Diversität ernst nimmt und umsetzt.

Barrierefreiheit beginnt bei den Grundlagen

Die Version 2.2 der WCAG kategorisiert drei unterschiedliche Stufen der Barrierefreiheit digitaler Angebote.

  • Stufe A stellt das Basisniveau dar und umfasst grundlegende Zugänglichkeitsmerkmale. Dazu gehören Anforderungen wie lesbare Texte, eine klare, hierarchische Informationsstrukturierung, eine konsistente Platzierung von Hilfselementen und die Automatisierung von wiederkehrenden Nutzereingaben. 

  • Stufe AA ist die empfohlene Konformitätsstufe für die meisten Websites. Sie enthält weitere Kriterien, wie bessere visuelle Kontraste, und strenge Vorgaben für Formulare wie einer intelligenten Fehlerhandhabung und einer eindeutigen Assoziation von Labels und Steuerelementen mit zugehörigen Formulareingabefeldern für Screenreader sowie die Bereitstellung von Alternativen zu Drag-and-Drop-Funktionen.

  • Stufe AAA repräsentiert den höchsten Grad an Barrierefreiheit und ist oft anspruchsvoller umzusetzen. Diese Stufe beinhaltet erweiterte Zugänglichkeitsfunktionen, wie detailliertere Audiodeskriptionen für gehörlose oder schwerhörige Nutzer, die vollständige Sichtbarkeit von Fokuselementen und erweiterten Anforderungen an die barrierefreie Authentifizierung.

Die weitestgehende Erfüllung der WCAG-Richtlinien ist eine sehr gute Grundlage, um digitale Angebote barrierefrei bereitzustellen. Wie sich die Stufen im Einzelnen ausgestalten und wie sie technisch zu erreichen sind, wird auf der W3.org Website ausführlich unter https://www.w3.org/WAI/standards-guidelines/wcag/new-in-22/ dargestellt.

So werden Ihre digitalen Angeboten barrierefreier

Zusätzlich zu den aktuellen Herausforderungen der Guidelines sollten barrierefreie digitale Angebote, die die WCAG-Kriterien erfüllen wollen, auch über folgende Merkmale verfügen:

  • Kompatibilität mit Screenreadern: Der gesamte Content einer Website muss von Screenreadern und weiteren Assistenzprogrammen, die von seheingeschränkten Menschen für die Nutzung von digitalen Inhalten verwendet werden, präzise und eindeutig gelesen werden können.

  • Kompatibel mit Tastaturnavigation: Ein digitales Angebot muss vollständig per Tasteneingabe navigierbar und bedienbar sein, ohne dass eine Maus benötigt wird. Diese Funktion wird vor allem von Menschen mit motorischen Einschränkungen genutzt.

  • Angepasstes UI und Design: Dazu gehören unter anderem ausreichende Farbkontraste zwischen Vorder- und Hintergrund, gut wahrnehmbare Schriftgrößen, nicht zu kleine Zeilenabstände, eindeutige Hervorhebungen und weitere Änderungen an der Benutzeroberfläche.

  • Keine gefährlichen Lichteffekte und Animationen: Für Menschen mit Erkrankungen wie Epilepsie müssen blinkende Lichteffekte und Animationen jederzeit einfach und schnell gestoppt werden können, damit dieser Personenkreis eine Website nutzen kann, ohne einen Anfall zu riskieren.

  • Verständliche Sprache für Menschen mit kognitiven Einschränkungen: Grundsätzlich gilt für jedes digitales Angebot, dass es so einfach und verständlich verfasst sein sollte. Für Menschen mit weitergehenden geistigen Beschränkungen kann es darüber hinaus sinnvoll sein, eine Zusammenfassung der angebotenen Inhalte in einfacher Sprache zur Verfügung zu stellen.

Hand auf Kreidetafel mit Text: Possible

Herausforderungen in der Umsetzung

Barrierefreiheit ist ein wichtiges strategisches Ziel. Im Tagesgeschäft und angesichts vieler vermeintlich drängender und wichtigerer Aufgaben bleibt die Realisierung jedoch schnell auf der Strecke. Aus unserer Praxis kennen wir einige typische Hemmschuhe:

  • Budgetbeschränkungen: Auch wenn die Implementierung von Techniken zur Barrierefreiheit in vielen Projekten ein eher kleinerer Posten ist, kann ein zu enges Budget hier zum Problem werden. Das Outsourcing bestimmter Entwicklungsaspekte oder die schrittweise Implementierung von WCAG-Standards können die Kosten senken bzw. auf einen längeren Zeitraum verteilen.

  • Technische Komplexität: Die Komplexität in der Implementierung kann vor allem für kleiner Entwicklerteams schnell zum Problem werden. Spezialisierte Schulungen für Webentwickler und Designer können das Verständnis und die Fähigkeit verbessern, WCAG-konforme Websites zu erstellen.

  • Mangelndes Bewusstsein: Wenn in Teams und Gruppen ausschließlich Menschen ohne Barrieren sitzen, dann fehlt für das Thema oftmals das Bewusstsein und Interesse. Hier können Informationskampagnen und Workshops das Verständnis für die Bedeutung von Barrierefreiheit steigern.

Es ist besonders wichtig, dass die Führungsebene eines Anbieters digitaler Inhalte das Thema Barrierefreiheit ernst nimmt. Letztendlich ist Barrierefreiheit auf der technischen Ebene einfacher zu lösen als auf der menschlichen Ebene. Das +Pluswerk, das über 20 Jahre Erfahrung in erfolgreichen Webprojekten hat, ist hier oft als Sparringspartner gefragt. In Zukunft wird die Barrierefreiheit durch Aspekte wie die Verbesserung der Zugänglichkeit durch künstliche Intelligenz, die Weiterentwicklung von Sprachsteuerungstechnologien und fortlaufende Updates der WCAG-Richtlinien weiterhin an Bedeutung gewinnen.

Als einer der führenden deutschen digitalen Lösungsanbieter unterstützen wir Unternehmen, Bildungseinrichtungen und Organisationen bei einer neuen Implementierungen WCAG 2.2 oder bei einer Aktualisierung. Mit unserer Expertise in barrierefreiem Webdesign und technischer Umsetzung hilft das +Pluswerk, die Herausforderungen der digitalen Barrierefreiheit erfolgreich zu meistern und einen wertvollen Beitrag zur digitalen Inklusion und zu einer erfolgreichen Online-Kommunikation zu leisten.

 

Links:

info(at)pluswerk(dot)ag